|
|
|
| Magnus Keller
| Hätten Sie's gewusst?
|
7. Mai 2009 Nr. 19 Thema 9 - Gastro Journal
Kerzen, Brennpaste & Co. sind genauso problematisch wie Zigaretten
Der Feinstaubschwindel - Romeo Brodmann Im Kampf gegen das Passivrauchen stehen Feinstaub, PM10 und Freie Radikale im Focus. Um Widersprüche zu vertuschen, werden Tatsachen gerne verschwiegen oder zurechtgebogen. Am 17. Mai wird an der Urne verschiedener Kantone erneut über Rauchverbote in öffentlichen und öffentlich zugänglichen Räumen abgestimmt. Die Begründung der Befürworter liegt darin, dass durch Tabakrauch Feinstaub entsteht, der für unbeteiligte Dritte schädigend wirkt, was im Prinzip nicht falsch ist. Das Problem liegt darin, dass Tabakrauch lediglich ein Bruchteil des gesamten Feinstaubgehaltes ausmacht, den wir täglich einatmen. Die Angaben über die Anzahl Menschen, die jährlich durch Passivrauchen zu Tode kommen sollen, sind Schätzung, Hochrechnungen und Behauptungen, die als «absolute Zahlen» formuliert werden. Diese sind aber in aller Regel nicht wissenschaftlich eindeutig zu belegen, denn die Feinstaubquellen sind allzu vielfältig. Niemand ist in der Lage zu bestimmen, ob eine Krebserkrankung durch Dieselruss, Zigarettenrauch oder Erbanlage entstanden ist. Feinstaub wird in zwei Grössenordnungen eingeteilt: In Grobstaub, dessen Partikel im Durchmesser mehr als 10 Mikrometer messen und Feinstaub, dessen Teilchen unter einem Durchmesser von 10 Mikrometer liegen. Die Definition legte die amerikanische Umweltschutzbehörde als «National Air Quality Standard for Partikulate Matter»fest, den man heute gemeinhin als PM-Standard bezeichnet. Der BegriffPM10 steht also für alle Teilchen von Immissionen, die kleiner als 10 Mikrometer und damit inhalierbar sind. Als inhalierbar gilt, was nicht von den oberen Atemwegen ausgefiltert werden kann. Ab einem Durchmesser, der kleiner ist als 2,5 Mikrometer, spricht man zudem von lungengängigem Feinstaub, der bis in die Verästelungen der Lunge vordringen kann. (Der PM-Standard und seine Grenzwerte wurden von der EU 2005 übernommen.) Freie Radikale: Wenn man nun den PM-Standard als quantitatives Kriterium des schädlichen Feinstaubes betrachtet, bildet der Anteil an freien Radikalen sozusagen den qualitativen Teil. Freie Radikale entstehen durch Hitzeeinwirkung, UV sowie ionisierende Strahlung (z.B. Röntgenstrahlen oder Strahlen für die Behandlung von Lebensmitteln etc.). Es sind Atome oder Moleküle mit mindestens einem ungepaarten Elektron. Was auch immer das heisst, sie verhalten sich sehr reaktionsfreudig. Sie werden vom Körper durch essen, trinken und atmen aufgenommen. Aber auch der Körper selbst produziert freie Radikale zur Keimabwehr. Im Fokus stehen vor allem die hochreaktiven Sauerstoffspezies, die auch zellverändernd wirken. Einerseits sind sie für viele biologische Prozesse wichtig, rufen aber andererseits unter anderem Krebserkrankungen hervor. Für den menschlichen Körper ist das nichts Neues; so besitzt er Abwehrmechanismen, die auch als Radikalenfänger bezeichnet werden. Dabei spielen Hormone, Enzyme und Säuren eine wichtige Rolle. Der Körper verfügt auch über Zell-Reparatur - mechanismen, bei denen Vitamine und Enzyme von zentraler Bedeutung sind. Das ganze funktioniert banal betrachtet wie ein geschälter Apfel, den man gegen das Braunwerden mit Zitronensaft einreibt. Die Ascorbinsäure verhindert durch zellschützende und reparierende Mechanismen die Reaktion mit Sauerstoff. So sind also Freie Radikale für unsere Körper nicht nur schädlich, sondern gleichzeitig lebensnotwendig – und es spielt keine Rolle, ob fremde oder vom Körper selbst produzierte Radikale. Unter dem Fachbegriff Mithohermesis wurde wissenschaftlich schon nachgewiesen, dass Freie Radikale unbedingt notwendig sind, damit ein Organismus seine Abwehreffizienz gegen Freie Radikale überhaupt steigern kann. Zellverändernde, respektive oxydative Prozesse stehen diesbezüglich natürlich in kausalem Zusammenhang mit dem Alterungsprozess. Und es ist kaum verwunderlich, dass Wirkstoffe auf der Basis von Radikalen und -Fängern im Gespräch sind, um das Altern zu verlangsamen. Schon diese kurze, durchaus rudimentäre und selektive Übersicht deutet bereits deutlich an, wie komplex die Zusammenhänge und wie verschwommen die Grenzen zwischen schädigender und lebensnotwendiger Wirkung liegen. Noch undurchsichtiger wird es im Dschungel der Feinstaubquellen. Nichtsdestotrotz wird von den Befürwortern des Rauchverbotes im Gastgewerbe ins Feld geführt, dass allein der Tabakrauch für die schädliche Feinstaubbelastung verantwortlich sein soll. Weil das nicht bewiesen werden kann, werden Tatsachen ausgeblendet, verheimlicht oder mindestens zurechtgebogen. Tatsächlich macht Tabakrauch, wenn adäquate Faktoren wie andere Feinstaubquellen, Lüftungen etc. miteinbezogen werden, ein Bruchteil der PM10-Belastungen aus, denen der Mensch ausgesetzt ist. Das zeigen kleine Ereignisse genauso wie wissenschaftliche Studien.
2006 wollte der Kassensturz des Schweizer Fernsehens in Restaurants die von Tabakrauch verursachte Feinstaubbelastung messen unter anderem im Restaurant Bahnhof Wollishofen bei Ernst Bachmann. Die Ergebnisse waren derart erstaunlich, dass die Messenden glaubten, ihr neues Messgerät funktioniere nicht. Jedoch ergab auch die zweite Messung dasselbe Resultat. Ausgestrahlt wurde am 3. Januar 2006 folgendes: «Im Restaurant Wollishofen sind Raucher seit kurzem von Nichtrauchern getrennt. Sind die Nichraucher trotz Durchgängen von den Rauchern geschützt? Kassensturz misst in beiden Räumen. Erstaunlich: Es hat zwar Raucher, doch die sind kaum wahrzunehmen. Die Resultate liegen in beiden Räumen unter dem Grenzwert. Der Wirt sagt, er habe eine normale Lüftung, die er gut warte.» Was nicht kommuniziert wurde, war aber noch viel aussagekräftiger: Der Feinstaubgehalt der Aussenluft lag nämlich stark über dem Grenzwert – die Gartenterasse liegt an der Strasse. Solche Messungen zeigen deutlich, dass die Raucher-/ Nichtraucherproblematik problemlos auch mit guten Lüftungen anstelle von Verboten gelöst werden könnte.
Niemand bestreitet, dass Tabakrauch ungesund sei. Die Frage ist lediglich, in welchem Mass. Selbst Sir Richard Peto, einer der weltweit verdientesten Männer der Krebsprävention, sagte in einem Tages- Anzeiger-Interview: «Die Gefahren des Passivrauches werden wohl überschätzt» und «wir wissen, dass das Passivrauchen ein gewisses Risiko birgt, aber es ist schwierig, kleine Risiken direkt zu messen.» Eine gesunde Differenzierung wäre also durchaus angebracht, denn die Quellen des Feinstaubes sind so vielfältig wie die Freien Radikale darin. Erhitzen von Lebensmitteln, braten in Öl und Fett, Herde und Durchlauferhitzer mit offener Gasflamme, Holzöfen und Cheminées produzieren ebenso PM10 und Freie Radikale wie Verbrennungsmotoren, Wunderkerzen sowie anderes Feuerwerk, Kerzen und Raucherstäbchen. Dabei werden gerade letztere stark unterschätzt. An der Universität Duisburg-Essen wurde nachgewiesen, dass in Kirchen beim Abbrennen von geringen Mengen Weihrauch der Feinstaubgehalt – bei einer Konzentration an kleinsten, lungengängigen Teilchen – bis auf 220 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft angestiegen ist. Der Tagesrichtwert liegt in der EU im Mittel bei 50 Mikrogramm. Auf ein noch fataleres Ergebnis kam die Uni Maastricht. Worauf die ketzerische Frage gestellt wurde, ob es neben rauchfreien Kneipen bitteschön auch weihrauch- und kerzenfreie Kirchen gäbe. Das Fazit des realistischen Versuchs: Kirchen seien oft schadstoffbelasteter als Strassen mit einer Verkehrsdichte von über 45000 Fahrzeugen täglich. Analysiert wurden dabei eine kleine Kapelle und eine grosse Kirche in Maastricht. Simuliert wurde jeweils ein Gottesdienst, in dem Weihrauch verbrannt wurde. Zudem liess man vor dem Gottesdienst neun Stunden lang Kerzen brennen. Das wissenschaftlich brutale Resultat: Bereits vor der Andacht lag der Feinstaubgehalt durch die Kerzen um ein Vielfaches über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert. Nach der Andacht lag die Feinstaubkonzentration bei 600 bis 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, was dem Zwölf- bis Zwanzigfachen des in Europa erlaubten 24-Stunden-Mittelwertes entspricht. Zusätzlich wurden bis anhin noch unbekannte Typen Freier Radikale entdeckt. Diese Messungen sind für das Gastgewerbe insofern relevant, als dass beispielsweise in jedem durchschnittlichen Speiselokal pro Gästepaar mindestens eine Kerze brennt, und dies über Stunden. Ginge es also tatsächlich um eine Verhinderung oder mindestens um eine Verminderung der Feinstaubkonzentration in öffentlich zugänglichen Räumen, müssten ganzheitliche Massnahmen ergriffen und andere, genauso schädliche PM10-Quellen, ausgeschaltet werden. Doch wen interessieren in der Zeit des 20-Minuten-Journalismus schon nüchterne Informationen, fundierte Analysen und hinterfragende Berichte nahe an der Realität. Gefragt sind vorgekaute Urteile mit Begründungen, die unbequeme Widersprüche ausblenden. So könnte es unter anderem auch zu erklären sein, weshalb der Souverän einem Rauchverbot zustimmt, dessen Legitimierung sich nur bedingt mit der schädlichen Feinstaubkonzentration begründen lässt, denn einem gleichzeitigen Verbot von Kerzen, offenen Brennern mit Brennpaste oder Gasrechauds würde wohl kaum jemand zustimmen. Es käme auch niemandem in den Sinn, ein Verbot für die zahlreichen Schrebergärten, Kinder, Spiel- und Sportplätze an stark befahrenen Strassen und Autobahnen zu erlassen, wo durch körperliche Bewegung die Lungenaktivität zusätzlich erhöht ist. Und weil die Argumente für die Rauchverbote im Grunde minderwertig sind, wird die Kampagne für Rauchverbote emotional über die Geruchsbelästigung geführt und geschürt. Wie bizarr das Verhältnis zwischen Massnahmen und Messergebnissen anmutet und wie verzerrt die menschliche Wahrnehmung ist, zeigen andere Beispiele: Forscher der Middlesex University haben in der Londoner U-Bahn im 24-Stunden-Mittel 500 bis 1120 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft gemessen. Im Stockholmer U-Bahnhof wurden bei einem ähnlichen Unterfangen durchschnittlich 470 Mikrogramm festgehalten. Wer U-Bahn fährt, so wurde interpretiert, atmet in zwanzig Minuten so viel Feinstaub ein wie beim Rauchen einer Zigarette. Wieviel Dreck der durchschnittliche Europäer allein aus Kohlekraftwerken einatmet, ist ungewiss. Sicher ist, dass die deutschen und englischen zu der Liste der dreissig dre - ckigsten Kohlekraftwerken der EU gehören, von denen jedes Einzelne über zehn Millionen Tonnen nur schon an CO2 in die Luft schleudert.
Aber verboten wird das Rauchen in der Gastronomie. Wenn Kerzen abbrennen, entstehen auch Unmengen von kleinsten, lungengängigen Feinstaub-Teilchen – wie beim Rauchen.
|
|
|
|
|
|
|
|
| There 2480 items in 530 categories online. |
|
|
|
|